Gôg - Was Tübingen ausmacht

SCHWÄBISCH INTERNATIONAL NOVEMBER 2020 12 GÔG – WAS TÜBINGEN AUSMACHT oder mit dem Fahrrad die Steinlach entlang radelte, passte so gar nicht in das Afri- kabild der meisten Tübinger. 1950 studierten schon über 100 AusländerInnen an der Tübinger Universität, 1959 war ihre Zahl auf knapp 500 gestiegen. 86, das waren die meisten von ihnen, stammten aus dem Iran, 84 aus Grie- chenland, 67 aus Großbritan- nien und 55 aus den USA. Der Exotikfaktor blieb den afrikanischen Studierenden lange erhalten: 1965 kam eine Gruppe nigerianischer Stu- dentInnen auf Einladung des Internationalen Studenten- bundes nach Tübingen und wurde dort sogar von Bürger- meister Doege feierlich emp- fangen. Natürlich gab es ei- nen ausführlichen Tagblattar- tikel mit Foto. Man zeigte gern, wie weltoffen und kos- mopolitisch Tübingen war. Wandern wurde auch für ei- nen jungen Mann aus Istan- bul das Integrationsmittel der Wahl, als er 1960 nach Weil- heim/Teck kam, kein Wort Deutsch sprach und dort drei Jahre als Hilfsarbeiter jobbte. Um Anschluss zu finden und Deutsch zu lernen, trat Hasan Tahsin Ersoy sofort dem Ge- sangsverein bei und zog am Wochenende mit dem Albver- ein in die Natur. 1963 begann er in Tübingen ein Studium der Politikwissenschaft und 1970 gründete er einen Türki- schen Kultur- und Sportver- ein. Der zog 1980 als „Türki- scher Verein“ in ein Haus am Stadtgraben und Ersoy blieb ihm als Vorsitzender und Eh- renvorsitzender bis zu seinem Tod im September dieses Jah- res eng verbunden. Nebenbei stand er als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz, erreichte, dass türkische Fußballvereine gegen deutsche Mannschaf- ten kicken konnten und grün- dete mit seinem Verein eine türkische Schule im Pavillon des Uhlandgymnasiums – die erste im Land. Bikulturelle Bildung Eine griechische Schule gibt es in Tübingen ebenfalls. Sie wurde 1979 als „Eltern- und Erzieherverein für Griechen in Tübingen und Umgebung“ gegründet. Hier lernen grie- chische Kinder nachmittags ihre Muttersprache nicht nur zu sprechen, sondern auch zu schreiben und zu lesen – von dem Wert einer bilingualen und bikulturellen Bildung ist man hier voll überzeugt. Die Griechinnen und Griechen in Tübingen, die noch vor den Menschen aus der Türkei die größte Bevölkerungsgruppe bilden, können in diesem Jahr ihre 60-jährige Anwesenheit in Deutschland feiern: 1960 wurde das sogenannte „An- werbeabkommen“ zwischen der Bundesrepublik Deutsch- land und Griechenland ge- schlossen und die ersten „Gastarbeiter“ kamen auch nach Tübingen. Vor der Über- siedlung nach Deutschland mussten die Migranten bei ei- nem Gesundheitscheck tat- sächlich prüfen lassen, ob sie schwere Arbeit am Fließband, auf dem Bau oder am Hoch- ofen durchhalten würden. Heute sind die Mitbürgerin- nen und Mitbürger griechi- scher Herkunft aus Tübingen nicht mehr wegzudenken. Es gibt einen griechischen Fuß- ballverein, einen griechischen Tanzverein und jedes Jahr fei- ert die griechische Gemeinde in der Tübinger Stiftskirche ein orthodoxes Osterfest. In der Weihnachtszeit öff- net die Stiftskirche dann al- len englischsprachigen Ex- pats ihre Pforten. „Lessons and Carols“ heißt der traditi- onelle englische Weihnachts- gottesdienst, der nur aus Lie- dern und Bibeltexten besteht. 1880 protestierte ein Pfarrer aus Truro in Cornwall mit dieser betont schlichten Feier gegen einen allzu prätentiö- sen Kirchenneubau und setz- te damit einen Trend, der auch in Tübingen die Kirche bis auf den letzten Platz füllt. Ein Projektchor singt die tra- ditionellen Lieder, Mutter- sprachlerinnen und Mutter- sprachler lesen die Bibeltex- te. Geprobt wird meistens im d.a.i., dem Deutsch-Amerika- nischen Institut in Tübingen, das 1952 als „Amerika-Haus“ gegründet wurde und den kulturellen Austausch zwi- schen Deutschland und Amerika fördern will. Fast hätte es auch in diesem Jahr wieder eine große Wahlnacht im Kino Museum gegeben. Aber – Corona oblige – der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten musste ohne die moralische Unter- stützung des Tübinger Publi- kums aus dem Weißen Haus vertrieben werden. Französische Filmtage (li.), CineLatino, arabisches und spanisches Filmfestival und vieles mehr: Begegnungen zwischen Kulturen gehören in Tübingen einfach dazu. Ganz so einfach war es für die italienischen Gastarbeiter bei Egeria nicht (u.), mit den Schwaben in Kontakt zu kommen. Karelische Volkskunst bereichert Tübingens Märkte (ganz o.). Bikulturelle und bilinguale Bildung fällt den Kids besonders leicht: Die amerikanische Studentin Heather Henrichs gab im Kinderhaus Horemer Englisch-Unterricht (o.). Heiß begehrte Maschinen aus Italien: Benelli-Freunde aus dem In- und Ausland vor dem Boxenstop.

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